03. August 2026  • Stefan

Produktreife in Zeitlupe

Eine Woche nach dem Go-live von FLINTAXI

Ich sitze gerade vor unserem Wohnmobil.

Oder besser gesagt: vor unserer Liesl.

Marion schläft noch. Über den Neusiedler See zieht langsam die Morgensonne, die ersten Windsurfer bereiten ihre Segel vor und irgendwo klappert bereits ein Mast im Wind. Gleich werden wir frühstücken. Vielleicht geht später schon eine Kite-Session. Vielleicht reicht der Wind nur für eine gemütliche Radtour durch das Burgenland. Vielleicht bleibt es auch komplett windstill.

Ich mag diese Ungewissheit.

Denn genau deshalb sind wir hier.

Nicht, um drei Wochen lang gar nichts zu tun. Sondern um das zu leben, was ich mir eigentlich schon seit vielen Jahren vorgestellt habe: Arbeiten, wenn es sinnvoll ist. Leben, wenn die Gelegenheit dazu da ist.

Der Mac steht in der Liesl immer griffbereit. Wenn draußen Flaute herrscht, arbeite ich an den ersten nativen Apps für FLINTAXI. Kommt Wind auf, wird der Rechner zugeklappt und gegen Kite oder Windsurfboard getauscht.

Vor zehn oder fünfzehn Jahren hätte ich mir nicht vorstellen können, dass das einmal möglich sein würde.

Heute fühlt es sich genau richtig an.


Vor ziemlich genau einer Woche ist FLINTAXI live gegangen.

Viele Menschen stellen sich einen Go-live wahrscheinlich wie einen Zieleinlauf vor.

Countdown.

Knopf drücken.

Produkt online.

Fertig.

Ich sehe das etwas anders.

Vielleicht liegt das daran, dass ich inzwischen seit vielen Jahren Software entwickle und in dieser Zeit einige größere Projekte begleiten durfte. Nachrichten-Apps, Wetter-Apps, Forschungsprojekte, Portale mit hunderttausenden Nutzerinnen und Nutzern – eines haben sie alle gemeinsam.

Nach dem Go-live beginnt die eigentliche Arbeit.

Nicht weil schlecht gearbeitet wurde.

Sondern weil ab diesem Moment etwas passiert, das sich im Testlabor niemals vollständig simulieren lässt.

Menschen benutzen Software.

Echte Menschen.

Mit ihren eigenen Geräten.

Ihren eigenen Gewohnheiten.

Ihren eigenen Fehlern.

Und manchmal auch mit ihren ganz eigenen Ideen, wie man eine Anwendung bedienen könnte.

Genau das macht Software spannend.

Und genau deshalb wusste ich schon vor dem Go-live, dass die erste Woche wahrscheinlich anstrengender werden würde als die letzte Woche davor.

Ich sollte recht behalten.


Schon am ersten Tag registrierten sich die ersten Rider.

Kurz darauf kamen die ersten Buchungen.

Die erste Flughafenfahrt.

Drei Driver wurden eingeschult.

Und plötzlich war FLINTAXI nicht mehr unser Projekt.

Sondern ein System, das von echten Menschen verwendet wurde.

Ab diesem Moment änderte sich auch unsere Arbeit.

Vorher hatten wir Bugs gesucht.

Jetzt fanden uns die Bugs.

Oder genauer gesagt:

Die Realität fand sie.


Eine Situation ist mir besonders in Erinnerung geblieben.

Eine unserer neuen Fahrerinnen absolvierte ihre erste echte Fahrt.

Die Fahrt verlief problemlos.

Die Fahrgästin kam sicher ans Ziel.

Eigentlich genau das, was wir erreichen wollten.

Und trotzdem funktionierte der Abschluss der Fahrt nicht wie geplant.

Nicht weil die Software abgestürzt wäre.

Nicht weil Stripe ausgefallen wäre.

Sondern weil die Fahrerin – verständlicherweise – in der neuen Situation schlicht vergessen hatte, die Fahrt in der App abzuschließen.

Die Folge war, dass die Fahrgästin nicht mehr online bezahlen konnte.

Die beiden lösten die Situation völlig unkompliziert mit einer Barzahlung.

Als Entwickler schaut man im ersten Moment automatisch auf den Code.

Wo ist der Fehler?

Was müssen wir ändern?

Nach ein paar Minuten wurde aber klar:

Die Software war gar nicht das eigentliche Problem.

Unser Onboarding war es.

Wir hatten erklärt, wie man eine Fahrt startet.

Wie man navigiert.

Wie man Nachrichten schreibt.

Aber offensichtlich mussten wir dem Abschluss einer Fahrt noch viel mehr Aufmerksamkeit schenken.

Das war kein Bug.

Das war eine Lektion.

Und wahrscheinlich eine wichtigere als viele technische Fehler.


Auch Sima hatte in dieser Woche alle Hände voll zu tun.

Neben Pressearbeit, Social Media, Fahrerschulungen und den ersten echten Buchungen liefen bei ihr permanent neue Rückmeldungen ein.

“Hier könnte der Text verständlicher sein.”

“Da fehlt eine E-Mail.”

“Diese Information wäre früher hilfreich.”

“Warum steht das eigentlich dort?”

Fast jede dieser Rückmeldungen landete wenige Minuten später bei mir.

Manchmal hatte ich gerade einen Fehler behoben, da kam schon der nächste Screenshot.

Oder eine Sprachnachricht.

Oder einfach nur:

“Stephan, ich glaube, da haben wir noch etwas gefunden.”

Ich musste oft schmunzeln.

Nicht, weil es so viele Kleinigkeiten waren.

Sondern weil genau das passiert, wenn Software plötzlich nicht mehr von Entwicklern getestet wird, sondern von Menschen, die einfach nur ein Taxi bestellen oder fahren möchten.


Was mich in dieser Woche besonders gefreut hat:

Viele der Dinge, die wir angepasst haben, waren gar keine spektakulären neuen Funktionen.

Es waren kleine Verbesserungen.

Eine verständlichere Meldung.

Eine zusätzliche E-Mail.

Ein besser formulierter Hinweis.

Eine Statusanzeige, die eindeutiger ist.

Ein Ablauf, der sich natürlicher anfühlt.

Von außen betrachtet fast unsichtbar.

Für das Gesamterlebnis aber unglaublich wichtig.


Ich habe für diese Woche einen Begriff gefunden, der sie für mich perfekt beschreibt.

Produktreife in Zeitlupe.

Nicht ein großer Durchbruch.

Sondern dutzende kleine Entscheidungen.

Jede einzelne macht das Produkt ein kleines Stück besser.

Jede einzelne sorgt dafür, dass Rider und Driver beim nächsten Mal etwas weniger nachdenken müssen.

Und genau das ist gute Software.

Nicht Software, die beeindruckt.

Sondern Software, die einfach funktioniert.


Während ich diese Zeilen schreibe, ist FLINTAXI längst kein Entwicklungsprojekt mehr.

Es gibt Rider.

Es gibt Driver.

Es gibt echte Buchungen.

Es gibt echte Fahrten.

Und es gibt Menschen, die darauf vertrauen, dass das System funktioniert.

Das ist eine Verantwortung.

Aber auch eine unglaublich schöne Motivation.


Gleich klappe ich den Mac wieder zu.

Vielleicht reicht der Wind heute zum Kiten.

Vielleicht auch nur zum Windsurfen.

Und wenn heute Nachmittag Flaute herrscht, werde ich mich wieder an die ersten nativen Apps setzen.

Diesmal mit einem ganz anderen Gefühl.

Denn ich entwickle nicht mehr für eine Idee.

Ich entwickle für ein Produkt, das bereits lebt.

Und ich weiß schon jetzt:

Auch die nativen Apps werden nicht am ersten Tag perfekt sein.

Sie werden genauso reifen.

In Zeitlupe.


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